Betrachtung der Osterkerze 2017

in Besinnung

Einen prächtigen Mantel haben sich die beiden da umgelegt. Ich weiß gar nicht, wohin ich zuerst schauen soll: Biene und Baum, Tulpen und Trauben, ein Gockel und ein gaukelnder Schmetterling, Mondsichel und Meereswogen. So bunt und verwirrend schön ist der Mantel, das Kleid der Natur, in den sich die Welt hüllt.
Oder sind es die beiden, die uns anblicken, denen der Mantel gehört? Der Mann und die Frau, Adam und Eva, kurz: wir, die Menschen?

So, wie viele Menschen leben, scheinen sie das selbstverständlich anzunehmen. Ein beliebtes, aber verräterisches Wort legt das nahe. „Umwelt“ sagen viele, wenn sie die Natur außerhalb des Menschen meinen.
Wir sind die Mitte, alles andere ist das Drum-Herum. Was mir nützt, was meinen Wohlstand vermehrt, was meiner Bequemlichkeit dient, ist der Maßstab für das Zusammenleben von Mensch und der anderen Kreatur. Und wir sehen die Folgen von dieser Einstellung: Der prächtige Mantel ist an vielen Stellen fadenscheinig geworden, blasser, immer größere Löcher werden in das Gewebe des Lebens gerissen, Tausende von Tier- und Pflanzenarten sind verschwunden.

Wer die Osterkerze dieses Jahres genau betrachtet, wird bemerken, dass die Künstlerin, Evi Schötz, in das Zentrum nicht das Menschenpaar gesetzt hat. Es ist leicht davon versetzt. In der Mitte ragt das goldene Kreuz. Es wirkt wie eine Klammer, die das Oben und das Unten, links und rechts zusammenhält. Eine Erinnerung an das Paradies: Auch dort stehen nicht Adam und Eva im Zentrum, sondern der Baum des Lebens, der ein Symbol für Gott ist. Erst als Adam und Eva der Versuchung erliegen, sich selber in die Mitte, an die Stelle Gottes zu setzen, zerbricht der Traum vom Paradies.

Das Kreuz ist Warnung: Wenn der Mensch sich selbst zum Mittelpunkt der Welt macht, bringt er Zerstörung, Tod und Schuld. Das Kreuz ist Trost: Wenn der Mensch Gott die Mitte sein lässt, kehrt das Paradies zurück, werden Zerstörung, Tod und Schuld geheilt. Das Kreuz ist der Baum des Lebens, die Auferstehung Jesu der Beginn des neuen Paradieses.

  • Autor: Pfarrer Dr. Werner Konrad
  • Kerzengestaltung: Evi Schötz

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